Zombie-Firmen – Ergebnis langjähriger Niedrigzinspolitik

Wer bei Zombie-Firmen an Gruselschocker á la Hollywood denken, liegt gar nicht so falsch. Es handelt sich dabei um Unternehmen, die aus betriebs- und volkswirtschaftlicher Sicht nicht überlebensfähig sind, aber dennoch weiter existieren – „Untote“ sozusagen.

Lange Zeit existierten Zombie-Firmen nur im japanischen und chinesischen Wirtschaftsraum. Aufgrund der sehr lockeren Kreditvergabe- und einer anhaltenden Niedrigzinspolitik ist diese Art von Unternehmen auch im europäischen- und US-amerikanischen Wirtschaftsraum reale Existenz geworden.

Es gibt unterschiedliche Auffassungen, was eine Zombie-Firma ist. Die variierenden Ansichten zur Identifizierung von Zombie-Firmen, weichen jedoch grundsätzlich nur minimal voneinander ab.
Die OECD (1)  definiert ein Unternehmen als Zombie-Firma, wenn das Unternehmen seit mindestens zehn Jahren am Markt präsent ist und davon drei Jahre in Folge nicht in der Lage war die erforderliche Zinslast aus dem operativen Ergebnis zu leisten. Der Zinsdeckungsgrad (Betriebsergebnis zu Zinsaufwendungen) ist somit seit drei aufeinander folgenden Jahren kleiner als eins.
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) erweitert diese Definition durch Berücksichtigung der jeweiligen Marktkapitalisierung, welche sich an den Börsen als überproportional niedrig darstellt. 

Eine weitere Definition bezeichnet Unternehmen dann als Zombie-Firma, wenn der Cashflow (2)  in drei aufeinander folgenden Jahren negativ ist.

Warum gibt es Zombiefirmen?

Der wesentlichste Grund warum Zombie-Firmen auch hier zu Lande existieren, resultiert aus der Aussetzung des Tatbestandes der Überschuldung als Insolvenzgrund. Bis zum Jahre 2009 mussten Unternehmen Insolvenz anmelden, wenn das Aktivvermögen nicht mehr ausreichte, um die Verbindlichkeiten zu decken und somit den Tatbestand der Überschuldung erfüllten. Seit diesem Zeitpunkt müssen Unternehmen trotz Überschuldung nur noch einen positiven Cashflow für das aktuelle Geschäftsjahr erwarten.  

Im Jahr 2020 wurde der Zeitraum aufgrund der Corona-Pandemie erneut verlängert und führt in der Konsequenz dazu, dass Firmen die zahlungsunfähig sind weiterhin keine Pflicht haben Insolvenz anzumelden. Sie werden künstlich am Leben gehalten und agieren als Zombie-Firma weiter am Markt.
Ein indirekter Indikator für die Zunahme der Zombie-Firmen ist die stark rückläufige Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland (siehe Grafik).
 

Abbildung 1"Anzahl der Insolvenzen seit 2010" (3)

Für das erste Halbjahr 2020 meldeten die deutschen Amtsgerichte 9.006 Insolvenzen von Unternehmen. Laut des statistischen Bundesamtes sind das 6,2% weniger als im Jahr zuvor und das trotz Corona. Experten warnen: Das Insolvenzgeschehen hat sich von der realen wirtschaftlichen Situation der Unternehmen entkoppelt.

Gleichzeitig können sich Unternehmen immer leichter und immer billiger Kredite von Banken besorgen. Das Kreditwachstum erreichte mit ca. 6% Prozent einen Höhepunkt im Jahre 2018 .

Grund dafür sind das niedrige Zinsniveau sowie stark gelockerte Standards für die Vergabe von Krediten. Die Lockerung der Standards bedingen zwangsläufig die Erhöhung der Risiken in den Kreditbüchern der Banken. Ungeachtet dessen und zur Vermeidung von möglichen Abschreibungen und der damit einhergehenden Reduzierung von Gewinn und Eigenkapitalquote werden Zombie-Firmen auch weiterhin problemlos mit Liquidität in Form von Krediten versorgt.

Was macht Zombie-Firmen so gefährlich?

Zombie-Firmen binden die Kreditvergabekapazitäten von Kreditinstituten, die somit weniger bzw. zeitlich verzögert Kredite an gesunde Unternehmen vergeben können. Neben diesen volkswirtschaftlichen Aspekt stellen Zombiefirmen auch eine Gefahr für Banken dar, sobald sich der Leitzins wieder erhöht.

Eine aktuelle Bilanz zieht die WirtschaftsWoche mit Daten der Bank für Internationale Zusammenarbeit. Laut ihren Recherchen betrug der Anteil der Zombiefirmen an 32.000 börsennotierten Unternehmen aus 14 Industrieländern im Jahr 2017 knapp 16%. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Firmen auch weiterhin Zombies sind ist mit knapp 90% sehr hoch. 

Abbildung 2 "Anteil der Zombiefirmen an 32.000 börsennotierten Unternehmen aus 14 Industrieländern"

Sollte es zu einer Leitzinserhöhung durch die EZB kommen, würden diese Firmen endgültig „sterben“ – und eine Welle von Insolvenzen würde einen enormen volkwirtschaftlichen Schaden verursachen. Darüber hinaus wird es zu einer Progression bei den Abschreibungen von Forderungen der Banken kommen mit entsprechender negativer Wirkung auf das Eigenkapital. 

Was ist jetzt präventiv das beste Vorgehen?

Gefahr erkannt – Gefahr gebannt? Im klassischen Zombiefilm plündern die Protagonisten häufig frühzeitig einen Baumarkt, um an die begehrte Axt zu kommen – die Allzweckwaffe gegen Zombies. So einfach ist es in der Banksteuerung leider nicht. Wer erkennt, dass Zombie-Firmen ein Risiko für das Portfolio darstellen, ist schon mal schon einen Schritt weiter als viele andere, aber nun beginnt die eigentliche Arbeit.

Analog zu dem Umgang mit Non-Performing-Loans sollten detaillierte Portfolio-Scans durchgeführt werden. Dazu kann man sich der erwähnten Kennzahlen bedienen, wie Zinsabdeckungsgrad oder Marktkapitalisierung.  Negative Cashflows können verwendet werden, um Warnindikatoren für das Portfolio aufzubauen.

Zombiefirmen sind eine reale Gefahr für das Bankportfolio, eine Gefahr, die durch die globale Pandemie nur vergrößert wird. Dieser Gefahr gilt es durch geeignete Erweiterung des Risikomanagements zu begegnen. Denn die Risiken der Zombiefirmen werden sich materialisieren – wenn nicht in diesem Jahr, dann in dem nächsten.  

Aber das ist meine persönliche Meinung – die Diskussion ist eröffnet!

Bleiben Sie gesund,

Daniel Settgast

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